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  • Julius Geiling

Katzen und Kunst auf der Blockchain

Tom ist cryptofanatisch. Ginge es nach ihm, würde er überhaupt keine Fiat-Währung mehr nutzen, sein Gehalt in Bitcoin erhalten und den Kaffee über das Lightning-Netzwerk bezahlen. Seit langem wünscht sich seine Tochter eine Katze, jedoch passt diese einfach nicht in eine Berliner Zweiraumwohnung mitten im Friedrichshain. Er verfolgt die Crypto-News und stößt schließlich auf CryptoKitties, Katzen auf der Blockchain oder auch auf non-fungible Tokens auf der Ethereum Blockchain. Das Argument, dass die Katze ewig leben würde und keine Pflege bräuchte, kann seine Tochter zwar nicht überzeugen, aber sein Interesse für non-fungible Tokens ist geweckt. Was ist das? Und was haben Katzen mit der Blockchain zu tun?

Grundlegend gibt es zwei Arten von Tokens, also Informationen auf der Blockchain, die einem Wert entsprechen: fungible und non-fungible Tokens.

Fungible Tokens sind beliebig gegeneinander austauschbar, weil sie exakt gleiche Merkmale aufweisen, wodurch sich ihr Wert exakt gleich zueinander verhält. Nehmen wir beispielsweise eine 1-Euro-Münze. Sie hat die gleiche Beschaffenheit wie jede andere 1-Euro-Münzen und kann so auch beliebig gegen weitere 1-Euro-Münzen ausgetauscht werden, ohne dass sich ihr Wert verändert. Auf die Blockchain bezogen ist beispielsweise ein ETH beliebig gegen einen anderen ETH austauschbar, ohne dass sich beim Tausch der Wert eines ETH gegen einen anderen ETH verändert. Man könnte also bei ETH von einem fungiblen Token sprechen.

Das Gegenstück zum fungiblen Token ist der non-fungible Token (NFT), also ein Token, der nicht gegen einen anderen getauscht werden kann. Dieser Token hat im Gegensatz zum fungiblen Token Eigenschaften, die ihn einzigartig machen. Als Beispiel kann ein Gemälde herangezogen werden. Der Künstler hat dieses Bild genau einmal gemalt, ein ganz bestimmtes Motiv und dabei eine ganz bestimmte Materialzusammenstellung gewählt. Es gegen ein anderes seiner Bilder einzutauschen oder es gar zu teilen ist nicht möglich, handelt es sich doch um ein Unikat. Auch auf der Blockchain können nicht tauschbare Werte abgebildet werden.

Das wohl bekannteste Beispiel sind CryptoKitties, digitale Katzen, die basierend auf virtuellen genetischen Eigenschaften Attribute aufweisen, welche absolut einzigartig sind. Wie das Gemälde können diese Katzen-Tokens nicht einfach dupliziert werden. Sie haben einen genau zugewiesenen Besitzer. Dennoch können non-fungible Tokens verkauft werden und sind so im übertragenen Sinne gegen fungible Tokens eintauschbar. Es ist jedoch nicht möglich, aus einem fungiblen Token einen non-fungiblen Token zu machen.

Wozu sollte man eine virtuelle Katze auf der Blockchain speichern wollen? Nimmt man es genau, erfüllen Cryptokatzen, außer für Sammler und diejenigen, die hoffen in Cryptokitties eine stabile Wertanlage gefunden zu haben, noch keinen wirklichen Zweck. Dennoch zeigen sie deutlich auf, was die Technologie des non-fungiblen Tokens zu leisten vermag.

Man denke an Spiele, wie League of Legends, in welchen Skins (Kostüme) für Fiat-Währung gekauft werden können. Solange der Spieleentwickler aktiv bleibt und die Datenbank erhält, in welcher der Besitzanspruch auf das jeweilige Skin hinterlegt ist, kann der Besitz jederzeit abgerufen werden. Brisant wird es jedoch, wenn der Spieleentwickler gehackt wird oder sein Geschäft aufgibt. Jegliche digitalen Besitztümer wären verloren.

Beim bisherigen Prinzip des zentralisierten virtuellen Besitzes muss sich darüber hinaus stets darauf verlassen werden, dass vermeintlich einzigartige Produkte auch wirklich einzigartig sind und nicht einfach ein weiteres Mal vom Entwickler herausgegeben werden.

Ist der Besitzanspruch in der Blockchain hinterlegt, kann die Käuferadresse (Public Key) eindeutig zugeordnet werden und so sichergestellt werden, dass es sich wirklich um ein einzigartiges Gut handelt. Auf diese Art und Weise ist auch der Transfer von digitalen Besitztümern denkbar.

Wie bereits vorgestellt, sind Games kleiner Entwicklungsstudios für Blockchain-Entwicklungen erste Anwendungsfälle für NFTs. Um nur einige zu nennen:


  • Cryptokitties - Katzen auf der Blockchain

  • Axie Infinit – Monster zum Brüten und Kämpfen auf der Blockchain

  • Decentralland – VR basiertes Property Game (Land kaufen in der Blockchain)

  • Ethermon - Monster zum Fangen und Kämpfen auf der Blockchain


Es ist davon auszugehen, dass in Zukunft auch AAA-Entwickler die Blockchain nutzen werden, um Ingame-Gegenstände wie Waffen, Kostüme und Ausrüstungsgegenstände als einzigartige Güter zu veräußern.

Das Anwendungspotential von NFTs geht weit über Games hinaus. So könnten beispielsweise auch physische Güter in der Blockchain „tokenisiert“ werden. Ein Beispiel: Ein Museum veräußert 49 Tokens eines Gemäldes. Dabei ist das Bild in 100 gleichgroße Flächen unterteilt. Wird nun einer der Tokens gekauft, besitzt so der Käufer 1/100 des Bildes. Dafür erhält das Museum von ihm eine entsprechend am Markt orientierte Bezahlung. Das Besitzrecht für den Token wird in der Blockchain festgehalten. So profitiert der Besitzer zum einen von dem sehr hohen Maß an Sicherheit, mit dem das Besitzrecht festgestellt werden kann, und zum anderen von der, im Vergleich zum Vorgang des herkömmlichen Kunstkauf, deutlich vereinfachten Übertragung des Besitzrechtes von einer Partei zur anderen. Der Käufer erhält neben der sicheren Geldanlage (Annahme: Künstler ist begehrt und tot, wodurch das Angebot limitiert ist und zu erwarten ist, dass der Wert des Bildes stabil bleibt oder gar steigt) auch ein 1/100 Stimmrecht darüber, wo und wie das Bild präsentiert werden sollte und einen Gewinn, sollte es an Wert zulegen. Das Museum behält 51 der Tokens, wodurch der physische Besitz immer noch bei ihm bleibt.

Es kann so durch den Gewinn aus dem Verkauf der 49 Tokens den Kauf weiterer Bilder finanzieren, um beispielsweise eine neue Ausstellung zu entwickeln. Grundlage dieses Beispiels ist das Konzept des Fractional Non-fungible Tokens (F-NFT), eines non-fungiblen Tokens, der in mehrere Sub-NFTs unterteilt wird, die einzeln gehandelt werden können. Ein geeignetes Protokoll dieser Technik auf der Ethereum Blockchain ist nach aktuellem Stand noch in der Entwicklung. Das System der Gewinnbeteiligung am Bild ist hierbei nur ein Beispiel. Es wäre denkbar, dieses umzusetzen, indem eine dezentrale, autonome Organisation (DAO) zur Verwaltung des Bildes gegründet wird. Was eine DAO ist und wie eine solche Umsetzung möglich wäre, ist in einem weiteren Artikel auf zerna.io nachzulesen.

Eine weitere Anwendungsmöglichkeit für NFTs wäre es, den Chip eines Ausweisdokuments mit einem Hardware Wallet zu versehen, sodass wichtige Dokumente, wie z.B. Personalausweis und Krankenkassenkarte sowie Urkunden über Besitz u.a., absolut fälschungssicher in der Blockchain hinterlegt werden könnten. Die Kontrolle bleibt so beim Besitzer des Personalausweises und Daten werden nur dann an Behörden und Dritte, wie beispielsweise Ärzte, übergeben, wenn der Besitzer des Ausweises dies gezielt veranlasst. So ergäbe sich für den Besitzer des Ausweises der Vorteil der universellen Datenspeicherung bei dennoch voll gewährleistetem Schutz der persönlichen Daten.

Für den Anwendungsbereich des Supply-Chain-Management (SCM) stellen NFTs eine Möglichkeit dar, erstmals völlige Transparenz entlang der gesamten Lieferkette zu erlangen. Man nehme beispielsweise einen Sack Kaffeebohnen aus Äthiopien. Wird dieser schon vor der Fertigstellung „tokenisiert“ (eindeutige Zuordnung zu einem generierten Token auf der Blockchain), jeder Fertigungsschritt, nachfolgend der Transport und anschließend der Weg bis hin zum Geschäft in der Blockchain dokumentiert, lässt sich anschließend die komplette Supply-Chain einsehen. Dies würde neue Möglichkeiten der Qualitätssicherung ermöglichen. Jedes einzelne Produkt, anstatt ganze Chargen, könnte individuell nachvollzogen werden, was das Auffinden von Anomalien deutlich vereinfachen würde. Unternehmen könnten sich zu Qualitätssicherungsnetzwerken zusammenschließen, anstatt jeweils individuelle Qualitätssicherungsmaßnahmen umzusetzen. Mit fortlaufendem Wachstum des Netzwerkes ergäben sich so immer mehr Synergieeffekte und eine erhöhte Sicherheit für die am Netzwerk beteiligten Parteien. Das Vertrauen in die Qualität entstünde so aus dem abgesicherten Netzwerk heraus, statt aus den individuellen Umsetzungsmaßnahmen der jeweiligen Unternehmen.

Weiter noch könnte so für den Endkunden erstmals die Garantie gewährleistet werden, dass gekaufte Produkte exakt der Beschreibung entsprechen. Gerade im Bereich der Nachhaltigkeitszertifikate, wie z.B. Fairtrade, würde dies einen zusätzlichen Kaufanreiz schaffen.

Das Thema NFT ist noch sehr jung und weist noch viele ungeklärte Fragen auf. So ist fraglich, wie sichergestellt werden kann, dass „tokenisierte“ physische Gegenstände nicht mehrfach auf verschiedenen Blockchains „tokenisiert“ werden oder gar gegen Fiat-Währung verkauft werden, obwohl sie bereits in ihrer primären Blockchain „tokenisiert“ wurden. Und welche Instanz schützt das Besitzrecht in der Blockchain im realen Leben?

Ein weiteres Problem liegt in der Technologie selbst. Eine Transaktion auf der Ethereum Blockchain (erforderlich, um einen NFT von einer Person zu einer anderen zu übermitteln) kann durchaus fünf Minuten in Anspruch nehmen. Man spricht auch vom Problem des maximalen Durchsatzes auf der Blockchain. Um mit der Geschwindigkeit mitzuhalten, die erforderlich ist, um dem Markt der digitalen Güter gerecht zu werden, ist eine weitaus höhere Skalierung der aktuell verfügbaren Blockchains erforderlich.

NFTs stellen eine notwendige Weiterentwicklung dar, um die Anwendbarkeit der Blockchaintechnologie deutlich auszuweiten. Besonders die Vorteile der hohen Sicherheit, Transparenz und mittelsmannsfreien Transaktionen auf der Blockchain können so für Industrie und Handel nutzbar gemacht werden. Die erstmalige klare Besitzklärung von digitalen Gütern ist als entscheidender Vorteil zu nennen.

Die meisten dieser Möglichkeiten sind bisher jedoch noch nicht implementiert und werden vermutlich auch noch einige Jahre Entwicklungszeit benötigen, bevor sie die Marktreife erreichen. NFTs zeigen unter diesen Gesichtspunkten mehr eine Evolution als eine Revolution des Cryptomarktes. Sie versprechen, in Zukunft eine essentielle Basis für die weitreichende Adaption der Blockchaintechnologie im Bereich Finanztechnologie darzustellen.


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